Froschschenkel - eine äußerst fragwürdige "Delikatesse"

Sie schmecken nach nichts – und dennoch: Froschschenkel gelten als Delikatesse. Über eine Milliarde Frösche  hat die  EU einer Studie von Pro Wildlife zu Folge allein in den letzten zehn Jahren importiert – der Großteil davon endet in Frankreich. Paniert, mariniert und frittiert landen sie dort auf den Tellern von Einheimischen und Touristen. Mit fatalen Folgen: Die meisten Frösche sind Wildfänge aus Asien – der Konsum in Europa bedroht hier ganze Arten. Pro Wildlife fordert deshalb ein EU-Importverbot für Froschschenkel.

Alljährlich findet das weltweit größte Froschschenkel-Essen im französischen Vittel statt. Die Ware wird wild gefangen, obwohl das Amphibiensterben grassiert

Wenn sich am letzten Wochenende im April die Nacht über das 5000-Seelenstädtchen Vittel senkt, dann beginnt ein merkwürdiges Schauspiel. Jedes Jahr treffen sich in dem Vogesen-Ort etwa 20 000 Besucher und frönen ihrer Lust am Schmaus einer vermeintlich urfranzösischen Spezialität: Froschschenkel. Während des dreitägigen „Foire aux grenouilles“, was auf Deutsch so viel heißt wie „Der Jahrmarkt der Frösche“, verputzen die Schlemmer etwa sieben Tonnen der zarten Beinchen. An jeder Ecke werden die Amphibien-Extremitäten feilgeboten. Überall riecht es nach Knoblauch. Der ist auch nötig, um dem recht geschmacklosen Fleisch wenigstens etwas Aroma zu verleihen. Weitere Spielarten der Würze sind Kräuter aus der Provence, Tomaten- oder Käsesoße und mit Quiche in jeglicher Form. Dazu servieren die Verkaufsstände Pommes frites, und ein fröhlicher Garçon panscht vor den Augen der Kundschaft den georderten Rosé kurzerhand aus Rot- und Weißwein.

Wer als deutscher Gast Froschschenkel eher mit elitären Feinschmeckern assoziiert, wird in Vittel eines Besseren belehrt. Hier fährt keiner der Besucher mit einer Oberschichtkarosse vor, nirgends stehen elegante Stehtischchen, auf denen Champagner in den Gläsern perlt. Keine edle Tischdekoration verwöhnt das Auge. In Vittel sitzt das wenig erlesene Publikum auf Bierbänken und lutscht Schenkel über Styroporschalen ab, in denen man eher einen Hamburger aus einem Fast-Food-Restaurant vermuten würde. Das Resultat sind Berge von entfleischten Knöchelchen, die kaum Streichholzformat erreichen.

Auch preislich bewegt man sich beim Foire aux grenouilles nicht im Luxussegment. Die Supermärkte des Ortes locken mit Sonderangeboten von 5,95 Euro das Kilo Froschbein. Den Höhepunkt des Spektakels bildet ein karnevalsähnlicher Umzug, mit dem die Bewohner des eigentlich für sein Mineralwasser berühmten Kurstädtchens in knallgrünen Froschkostümen die Kaltblüter feiern, deren Gliedmaßen sie so gern essen.

Was für manche ein Fest sein mag, ist Biologen und Naturschützern ein Graus. „Eigentlich dachten wir, das Thema Froschschenkel wäre seit den 70er- und 80er- Jahren des vergangenen Jahrhunderts ad acta gelegt“, sagt Sandra Altherr, Biologin bei der Naturschutzorganisation Pro Wildlife. „Das Festival in Vittel zeigt aber, dass dem leider nicht so ist.“ Das belegen auch die Zahlen, die die Organisation in einer Studie zusammenfasst, die FOCUS vorliegt. Demnach importierte die Europäische Union in den Jahren von 2000 bis 2009 mehr als 46 000 Tonnen Froschprodukte – vornehmlich Schenkel. „Wenn man für ein Kilogramm Froschschenkel von 20 bis 50 getöteten Fröschen ausgeht, kommt man auf immens hohe Stückzahlen“, rechnet Altherr vor. Wohl mehr als eine Milliarde Frösche ließen dafür ihr Leben.

Die Ware stammt überwiegend „aus Indonesien und besteht zum größten Teil aus Wildfängen“, so Altherr. „Eine Schätzung ist zwar schwierig, wir gehen aber davon aus, das allerhöchstens 15 Prozent der Lieferungen aus Zuchten stammen, wahrscheinlich aber weniger.“ Froschzucht ist aufwendig. „Es ist nicht damit getan, einen Tümpel anzulegen und Amphibien hineinzusetzen“, weiß Altherr. Man muss das Wasser reinigen, Pilze und andere Erkrankungen bekämpfen sowie ständig Lebendfutter nachzüchten. Alles Leistungen, die die Natur erbringt, aber in keiner Rechnung auftauchen. „Deshalb ist Wildfang immer günstiger als Zucht.“

In Vittel werden die angebotenen Schenkel als von der Art Rana macrodon stammend deklariert. Auf Deutsch heißen die Amphibien Zahnfrösche und trugen früher tatsächlich diesen wissenschaftlichen Namen. Heute heißen sie allerdings Limnonectes macrodon, weil sie Forscher neu kategorisiert haben. Die veraltete Etikettierung könnte eine Irreführung durch Lieferanten sein, um Kontrollen zu entgehen, argwöhnen Artenschützer. Die internationale Naturschutzunion (IUCN) stuft die Art auf ihrer Roten Liste als gefährdet ein. Das massenhafte Einsammeln von Zahnfröschen in Indonesien bedroht den Bestand des einst häufigen Lurches.

Die EU schreibt deshalb die Kontrolle des Handels mit Produkten von dieser Art vor. In der entsprechenden Liste taucht aber der Name Rana macrodon nicht auf, sondern nur die neue Bezeichnung.

Der Wildfang der Amphibien verändert ganze Ökosysteme. „In den 70er- und 80er-Jahren waren Indien und Bangladesch die Hauptexporteure von Froschschenkeln“, berichtet Altherr. Infolge fehlender Amphibien hätten sich Parasiten wie Moskitos und landwirtschaftliche Schadinsekten ausgebreitet. Der Einsatz von Pestiziden habe sich dramatisch erhöht.

„Amphibien sind auf jeden Fall als Räuber und Beute in Ökosystemen wichtig“, betont Stefan Lötters, Biogeograf von der Universität Trier. „Aus Panama wissen wir, dass in Regionen, in denen die Amphibien verschwunden sind, Gewässer stark veralgen. Da fehlen die Kaulquappen, die Wasserpflanzen wegfressen.“ Solche ökologischen Folgen des Amphibienfangs veranlassten Indien und Bangladesch, den Froschschenkel-Export zu verbieten. Ein Erfolg, denn die stark dezimierten Populationen erholten sich sehr gut.

Die kulinarische Bedrohung der Frösche ist nur eine von vielen Gefährdungen, denen Amphibien ausgesetzt sind. „Es ist mittlerweile allgemein anerkannt, dass weltweit ein Amphibiensterben grassiert“, mahnt Lötters.

„Einzelne Arten sind bereits ausgestorben oder zumindest verschollen“, bestätigt Jörg Plötner, Amphibienexperte des Naturkundemuseums Berlin. Etwa ein Drittel aller Spezies sei gefährdet, bei 40 Prozent geht man von massiven Populationsrückgängen aus. Zwar konnten Forscher 157 Arten allein im Jahr 2010 neu beschreiben. „Das hängt aber unter anderem mit neuen Methoden der Artbestimmung zusammen“, so Plötner. Durch sehr empfindliche genetische Analysen können Arten als eigenständig identifiziert werden, die man auf Grund äußerer Merkmale für eine einzige gehalten hat. „Das ändert aber nichts am generellen Trend der Populationsabnahmen.“

Das massive Schrumpfen der Amphibienvorkommen hat unterschiedliche Ursachen. Zu den bisherigen Bedrohungen wie eingeschleppte Arten, zu viele Wildfänge und vermehrter Landverbrauch gesellen sich neue wie der Klimawandel, Gifte aus Industrie und Landwirtschaft sowie Infektionen. „Diese Gefährdungsfaktoren wirken zusammen“, so Lötters. So führt die Zerteilung des Lebensraums durch Straßen oder Agrarflächen zu Stress, der das Immunsystem schwächt. „Deshalb sind die Tiere dann anfälliger für Infektionen.“

Besonders ein Pilz mit dem zungenbrecherischen Namen Batrachochytrium dendrobatidis steht unter Verdacht, ein wesentlicher Auslöser für das Amphibiensterben zu sein. „Letztendlich weiß man aber noch nicht, welche Rolle der Pilz spielt“, sagt Lötters. „Wir wissen ja noch nicht einmal genau, wie er sich tatsächlich über den Erdball ausbreitet.“

Hierzulande wie auch in Afrika findet man den Mikroorganismus auf der Haut fast jedes Amphibiums, die Tiere leiden aber wesentlich weniger unter ihm als beispielsweise in Südamerika. Die massivsten Auswirkungen hat der Pilz da, wo er vorher überhaupt nicht vorkam.

Weltweit sind sich Forscher einig, dass schnell gegen den Exodus vorgegangen werden muss. „Wichtige Maßnahmen dabei sind der Schutz der Lebensräume und das genaue Beobachten existierender Bestände“, zählt Biologe Plötner auf. Darüber hinaus versuchen Froschfreunde, besonders bedrohte Arten zu fangen und zu züchten, um sie dann wieder auszuwildern.

„Das alles wird zwar betrieben“, moniert Plötner, „aber noch nicht in ausreichendem Umfang.“ Geeignete Schutzmaßnahmen für Amphibien würden weltweit 400 Millionen Dollar für fünf Jahre kosten. „Das Geld hat aber bislang niemand aufgebracht.“ Auch in Deutschland besteht eher finanzielle Zurückhaltung, wenn es um die Erforschung der glitschhäutigen Tiere geht. So sponserte die Deutsche Forschungsgemeinschaft Projekte, die Amphibien und ihren Rückgang untersuchen, mit lediglich 200 000 Euro in den vergangenen drei Jahren – unter anderem auch Plötners Arbeit zur genetischen Unterscheidung verschiedener Froschspezies. „Mit Hilfe moderner genetischer Tests können wir Arten einfach und kostengünstig identifizieren“, so der Amphibien-Experte. Damit wäre es auch möglich, Froschschenkel darauf zu kontrollieren, ob sie von gefährdeten Spezies stammen. „Aber auch damit kann man nicht zweifelsfrei feststellen, ob es sich um Tiere aus Zuchten oder um Wildfänge handelt.“ Deshalb, so seine Empfehlung, sollte man solche Produkte generell meiden. „Dazu rate ich auch Restaurantbesitzern.“

Dass die Bevölkerung in Asien Amphibien als Nahrungsquelle nutzt, findet Naturschützerin Altherr verständlich. „Vor allem, wenn das nachhaltig geschieht.“ Für Europa fordert sie allerdings einen Importstopp. „Das ist doch paradox. Wir schützen unsere heimischen Amphibienarten und importieren dann andere aus ärmeren Ländern, um sie als Luxushäppchen zu essen.“

Gleichgültig ob aus Zucht oder Wildfang, neben dem Artenschutz haftet das Tierschutzproblem immer an Froschschenkeln. „Den Tieren werden die Beine in der Regel vom lebendigen Leib getrennt“, sagt Plötner. „Ich selbst habe das in der Türkei, die jährlich etwa 500 Tonnen Froschprodukte exportiert, in einer Fabrik beobachtet.“ Dort werden Frösche auf drei Grad gekühlt, um ihre Beweglichkeit einzuschränken. Dann trennen Arbeiterinnen zuerst mit einer Schere die Hände, danach die Füße und erst dann den Kopf ab. Grund genug, auf die vermeintliche Delikatesse zu verzichten.
Quelle: Focus

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