Warum ich zum Vegetarier wurde

Die Grundsteine zu meiner heutigen Einstellung zu Tieren wurden bei mir schon früh gelegt. Kaum konnte ich krabbeln, hatte ich schon Kontakt zu Tieren. Zuhause hatten wir immer wenigstens eine Katze, mit der ich ausgiebig gespielt und geschmust habe, auch wenn unsere Katze nicht immer viel von so viel innigem Körperkontakt zu mir hielt – ich fand es toll, auch wenn ich mal den einen oder anderen Kratzer erntete.

Heulen gab es nicht, wenn mir unsere Katze zeigte, dass sie es nicht mag. Meine Mutter hat mir kindgerecht beigebracht, wie ich mit der Katze liebevoll umgehen kann und gab mir zu verstehen, was der Katze weh tut und was ich nicht tun sollte.

Der Stress für meine Eltern begann, als ich laufen konnte. Wenn wir bei einem Spaziergang einen Hund sahen, stürmte ich auf ihn los und wollte ihn streicheln. Dabei spielte es für mich nie eine Rolle, wie groß der Hund war – meist waren sie sowieso größer, als ich Dreikäsehoch.

Als Kind schon wurde mir beigebracht, dass auch Tiere Schmerzen haben können und dass sie es mögen, wenn man ganz lieb, ruhig und sanft mit ihnen umgeht. So sah ich dann auch die Regenwürmer auf dem Gehweg, die Ameisen, Käfer und andere „Kriechtiere“, die Gefahr liefen, zertreten zu werden. Ich nahm jedes einzelne Tier, das ich auf dem Gehweg sah, behutsam auf und setzte es ein Stückchen weiter ins Gras. Manchmal weinte ich auch, wenn ich einen zertretenen Regenwurm sah, der es nicht geschafft hatte.

Toll fand ich als Kind die Besuche bei meinen Großeltern, die in ländlicher Gegend wohnten. Stundenlang hätte ich mich bei den Kühen, Pferden, Hühnern, Kaninchen und Schweinen des netten Nachbarn aufhalten können – einfach nur anschauen und streicheln, ganz lieb sein, denn ich wollte den Tieren nicht weh tun. Ich war nie böse, wenn die Tiere mal ein wenig ruppig mit mir waren. Wie oft wurde ich einfach umgerempelt, angestupst oder weggedrückt. Das war mir egal, denn ich habe ja gelernt, dass Tiere nur zeigen können, was ihnen gefällt oder nicht gefällt, also habe ich ihre Sprache verstanden – wie konnte ich also böse sein?

Als Kind war alles so schön und unkompliziert. Ich wusste nichts von Massentierhaltung und Schlachthöfen – auch wusste ich noch nicht, dass ich ab und zu auch meine Freunde gegessen habe. Wobei ich sagen muss, dass es bei uns zu Hause Fleisch und Wurst nur in Maßen gab.

Ich wurde älter und begann irgendwann einmal zu fragen, was das ist, was ich da auf dem Teller hatte. Ich war noch im Vorschulalter und meine Oma hatte an diesem Tag Hähnchen gemacht. Es duftete lecker, war schön knusprig gegrillt und es schmeckte.

Als mir Oma dann erzählte, dass sie das Hähnchen vom Nachbarn bekam, fragte ich weiter, warum der Nachbar so leckeres Essen hat. Meine Oma führte mich ans Fenster und wir schauten rüber zum Nachbarn auf die große Wiese. Dort waren viele meiner Freunde zu sehen, denen ich teilweise auch schon Namen gegeben hatte.
„Siehst Du“, sagte meine Oma, „dort werden sie geboren und werden groß, bis man sie essen kann“…

Für mich war dieser Satz nicht zu verstehen – nein, das konnte doch nicht sein! Habe ich gerade einen Freund gegessen? Wie aber kam er in Omas Grill, ich habe das Hähnchen in der Wohnung doch gar nicht rumlaufen sehen, die sind doch alle auf der Wiese drüben. Das würde der Nachbar doch nie erlauben, dass uns ein Hähnchen besucht! Nein, nein Oma, das kann nicht sein, denn das, was ich gegessen habe, sah doch nicht aus, wie einer meiner Freunde!

Erst lange Zeit später habe ich verstanden, was mir Oma erklären wollte. Von da an aß ich aß kein Hähnchen mehr…

Ich löcherte meine Oma und meine Eltern mit Fragen – meist beim gemeinsamen Essen – und irgendwann habe ich verstanden, dass das Fleisch, die Wust und die Fischstäbche alle mal ein Gesicht hatten und lebendig waren. Dass sie alle sterben mussten, damit ich sie essen kann. Für mich waren das furchtbare Gedanken und bei jeder Scheibe Wurst auf meinem Brot musste ich darüber nachdenken. Es kam die Zeit, in der ich das Stück Fleisch nicht mehr runterschluckte, sondern in meinen Backen versteckte und später – oft nach Stunden - ausspuckte.

Jahre später …
Ich war 18, hatte meinen Führerschein gerade frisch in der Tasche und heute war ich dran:
wir hatten – neben 2 Katzen – zwei Schäferhunde: Mike und Marko, zwei tolle Burschen, die mächtigen Hunger hatten.
1 x in der Woche gab es am örtlichen Schlachthof „Tierfutter-Abgabe“, d.h. man konnte für ein paar Mark direkt dort das bekommen, was für den Menschengenuss eher ungeeignet war. Vom Pansen zu Innereien bis hin zu Gurgel und Knochen gab es alles, was das Hundeherz begehrt.

Ich fand es immer widerlich, wenn meine Eltern mit diesem Hundefutter nach Hause kamen und noch widerlicher, wenn das alles „sortiert“, gereinigt, zerkleinert und teilweise gekocht wurde.

Aber nun geschah mein eigentliches Schlüsselerlebnis, das mich von da an zum Vegetarier werden ließ:
Da meine Eltern keine Zeit hatten, zur „Tierfutter-Abgabe“ zum Schlachthof zu fahren, musste ich das tun. Ich hatte ja den Führerschein und bekam für diese Fahrt Muttis Auto.
Mit flauem Magen fuhr ich also zum Schlachthof. Auf dem Vorplatz standen Tiertransporter, Tieranhänger und es war reges Treiben. Ein LKW wurde gerade abgeladen – die ängstlichen Rinder, die unsanft vom LKW geholt wurden, verschwanden in der dunklen Weite der Schlachthof-Halle. In den Fahrzeugen, die noch warteten, hörte ich Schreie – Schreie von Kühen, und durchdringende Schreie von Schweinen, ich hörte Tritte gegen die Fahrzeugwand. Vorm Schlachthof-Inneren drangen beängstigende Geräusch nach draußen: Schreie, Summtöne, Gabelstapler, Maschinen, Förderbänder, Schreie… ich hörte am Schluss nur noch die Schreie, die mich zusammenzucken ließen und mir die Tränen in die Augen trieben.

Was tue ich den Tieren nur an – warum müssen sie Todesängste ausstehen, leiden und sterben, nur damit ich Fleisch oder Wurst zu essen habe!
Die Glocke zur Tierfutterausgabe riss mich aus meinen unschönen Gedanken und ich ging mit meinem Eimer und den anderen Wartenden zur Angabestelle. Dort standen 3 große Plastik-Container und ein Mann mit verbluteter Gummischürze und ebenso blutverschmierten Gummihandschuhen kam zu uns, öffnete die Deckel der Tonnen, griff mit beiden Händen beherzt hinein und packte in jeden der mitgebrachten Eimer:

2 Hände voll „weißem Schwabbel“, 2 Hände voll „blutigem Schwabbel“, 2 Hände voll Knochen, Gurgel und Knorpeln.

Ich spürte bedrohlich meinen Brechreiz und ich befürchtete, umzukippen…

Ein netter Mann hat mir dann geholfen, meine blutverschmierten Eimer, die ich nicht anfassen konnte, ins Auto zu tragen und ich fuhr nach Hause. Ich wollte nur weg – weg von diesem schrecklichen Ort des Grauens, der Angst, des Leids, des Todes.
Ich war fast zu Hause, aber ich hörte noch immer die – durch Mark und Bein gehenden - Schreie der Tiere, mir liefen die Tränen… ich war wütend und unendlich traurig zugleich. Mit war totschlecht und ich wusste:

Ich möchte mich für all’ das, was ich heute erlebt habe, nicht verantwortlich zeichnen und werde nie mehr etwas essen, wofür ein Tier sterben musste!

Damals war ich 18 Jahre alt, es war die Zeit, in der Vegetarier noch unverständnisvoll als „exotische Spinner“ betitelt wurden.
Heute bin ich 48 und habe seit 30 Jahren nichts mehr gegessen, wofür ein Tier sterben musste.
Ich kaufe keine Lederprodukte, mein Eierkonsum ist verschwindend klein – und wenn überhaupt, dann nur vom Bauern, der glückliche Hühner hat - , ich trinke keine Milch, aber: ich esse Milchprodukte, wie Käse oder Joghurt, esse auch ab und zu mal ein Eis:

Aber auch dieser Konsum wird täglich weniger, da ich auch hier nicht mehr länger für das unsagbare einhergehende Tierleid verantwortlich sein möchte,

Ich bin sicher, dass sich meine Ernährungsweise von der vegetarischen zur veganen wandeln wird, denn mich beschleicht heute – wie damals als Kind beim Anblick der Wurst auf meinen Brot – auch kein gutes Gefühl beim Verzehr von Milchprodukten…

 
Astrid Möller
Gründungsmitglied animal aid AWM



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